16.01.2017

Einen Master in Logopädie?

Über den Sinn und Inhalt eines Masterabschlusses im Bereich Lehre und Forschung


Franziska von Tongeln, Lehr- und Forschungslogopädin (M.Sc.)

 

to: Sie haben kürzlich Ihr Masterstudium der Lehr- und Forschungslogopädie an der RWTH Aachen abgeschlossen. Wie kam es damals dazu, dass Sie sich überhaupt für ein Studium und dann für diesen Studiengang entschieden haben?

 

FVT: Nach meinem Bachelorstudium in Nijmegen habe ich zunächst Vollzeit in einer logopädischen Praxis gearbeitet. Hier entwickelte sich bei mir schnell das Gefühl, dass ich innerhalb meiner Tätigkeit einen zweiten Schwerpunkt setzen möchte.

Nach meinem Abitur hatte ich auch großes Interesse an einem Lehramtsstudium mit den Fächern Deutsch und Pädagogik. Leider bekam ich in diesem Bereich keinen Studienplatz. Das Studium der Lehr- und Forschungslogopädie war für mich eine gute Möglichkeit meine Interessen – das der Logopädie und das der Lehre – miteinander zu verknüpfen.

Nach erfolgreicher Bewerbung in Aachen, reduzierte ich meine Vollzeitstelle auf einen Teilzeitumfang und absolvierte den Masterstudiengang.

 

to: Sie haben sich also insbesondere Inhalte aus der Lehre von dem Studium erhofft. Wie wurde das konkret umgesetzt?

 

FVT: Auf die Lehre wurde insbesondere durch zwei Didaktik Seminare eingegangen. Hier wurden wir aus theoretischer Sicht, aber auch ganz praktisch, auf die Vorbereitung und Gestaltung von Unterrichtsstunden vorbereitet.

Einzelne Unterrichtseinheiten mussten detailliert und theoretisch gut begründet in schriftlicher Form konzipiert werden.

Dann folgte eine Art kleinen Referendariats, angefangen mit einer Lehrprobe, die vor KommilitonInnen als SimulationsschülerInnen gehalten wurde.

Weitere Lehrproben erfolgten dann in realem Setting an Schulen für Logopädie in Aachen und Düsseldorf. Das waren also die ersten betreuten Gehversuche als Dozentin für Logopädie.

 

to: Inzwischen sind Sie als Dozentin an einer Ausbildungseinrichtung für LogopädInnen tätig. Können Sie rückblickend sagen, welche Studieninhalte Sie möglicherweise noch besser auf diesen Job vorbereitet hätten?

 

FVT: Das Grundgerüst des Unterrichtens war durchaus Gegenstand des Studiums.

Ich habe gelernt nach geeigneten Quellen, Materialien sowie Medien zu recherchieren. Anschließend ist es wichtig, den zu vermittelnden Stoff didaktisch zu reduzieren und entsprechend aufzubereiten.

Didaktisch fühlte ich mich gut aufgestellt und konnte bereits auf ein gewisses Repertoire an Methoden zurückgreifen.

Die ebenfalls sehr wichtige Flexibilität, die man als DozentIn haben sollte, lernt man nicht im Studium. Diese Fähigkeit wächst im Laufe der Zeit und mit zunehmender Routine - vergleichbar mit der Flexibilität im therapeutischen Alltag.

 

to: Der Studiengang der Lehr- und Forschungslogopädie hat den Ruf, seinen Schwerpunkt deutlich stärker auf die Forschung zu setzen. Können Sie das bestätigen?

 

FVT: Ja, die Forschung steht eindeutig im Mittelpunkt des Studiums. Ich hatte den Eindruck, dass die Lehre eher eine Ergänzung darstellt.

 

to: Wie hat man sich die Vermittlung von Forschung vorzustellen?

 

FVT: Forschung besteht zu vielen Teilen aus Statistik. Dementsprechend besuchte ich zwei verschiedene Statistik Vorlesungen und Übungen.

Durch das Schreiben von Hausarbeiten beispielsweise, werden das Stellen spezifischer Forschungsfragen und deren wissenschaftliche Beantwortung geübt.

Ebenfalls relevant ist die Fähigkeit zur gezielten Literaturrecherche und Bewertung der jeweiligen Quellen. Hierbei sollte einem durchaus bewusst sein, dass die prominentesten Artikel überwiegend in englischer Sprache formuliert sind.

Außerdem wurden Forschungsexposés geschrieben. Ab dem zweiten Semester hat man sich auch schon mit dem Masterarbeitsthema beschäftigt.

 

to: Welche Forschungsthemen wurden in Ihrer Zeit in Aachen vorangetrieben?

 

FVT: Das Thema Blickbewegungen beim gestörten und ungestörten Lesen stellt nach wie vor ein großes Thema dar.

Dann liefen u.a. Studien zur neuronalen Aktivierung bei Mehrsprachigkeit, zu pragmatisch orientierter Sprachförderung bezugnehmend auf das Thema Stress, dem Sprachverhalten bei Schizophrenie und der Entwicklung von Aspirationspneumonien.

 

to: Für welches Masterarbeitsthema haben Sie sich entschieden?

 

FVT: Ich habe über Blickbewegungen beim Lesen geschrieben, allerdings eher beim nicht-sprachlichen Lesen, auch visuelles Scanning genannt.

Fernziel des Forschungsprojekts ist die Entwicklung eines Forschungs- und möglicherweise auch Diagnostikinstruments, das Blickbewegungen bei Kindern im Vorschulalter untersucht.

Ungestörte Blickbewegungen gelten durchaus als wichtiger Vorausläufer eines ungestörten Leseerwerbs.

Anhand dessen sollen Kinder schon vor Beginn des Lese-Rechtschreiberwerbs als gefährdet für eine Leserechtschreibschwäche erkannt werden, so dass eine frühe Förderung eingeleitet werden kann.

 

to: Welches persönliche Fazit ziehen Sie aus Ihrem Masterstudium? Gab es einen Preis, den Sie zahlen mussten?

 

FVT: Der Master hat sehr viel Disziplin verlangt. Möglicherweise habe besonders ich es so empfunden, da ich den Vollzeit-Studiengang neben meiner Teilzeittätigkeit als Logopädin nahezu in Regelstudienzeit absolviert habe.

Da ich nicht sicher war, ob ich einen Studienplatz in Aachen bekommen würde, habe ich kurz zuvor die Weiterbildung zur Fachtherapeutin Neurologie begonnen. So hatte ich viele "Baustellen" gleichzeitig. Das war sehr anstrengend und hat mich ein gewisses Maß an Lebensqualität gekostet.

Somit war der Preis, den ich in dieser Zeit gezahlt habe, für mich sehr hoch.

Dennoch kann ich sagen, dass ich mich durch den Master sowohl persönlich als auch fachlich weiterentwickelt habe.

Persönlich, weil ich irgendwann gezwungen war meinen Perfektionismus abzulegen um etwas entspannter an manche Sachen herangehen zu können. Das hat mir auch innerhalb meines (beruflichen) Alltags etwas gebracht.

Zusätzlich habe ich gelernt für mich teils sehr komplexe, fachliche Inhalte zu durchdringen. Letztlich gibt es nichts, was man nicht verstehen kann.

Fachlich habe ich mich besonders im Bereich Lese- und Rechtschreibstörungen, sowie im Bereich der Hirnphysiologie weiterentwickeln können. Dieses Wissen ist auch in der Rolle als Therapeutin eine Bereicherung.

Zusätzlich habe ich einen ganz neuen Tätigkeitsbereich in meinem Berufsalltag hinzugewonnen: den Bereich Lehre. Die Arbeit mit angehenden LogopädInnen macht mir sehr viel Spaß.

Zu erwarten, dass man nach dem Materstudium zwangsweise auch gehaltlich eine deutliche Verbesserung erfährt, ist jedoch leider besonders als ArbeitnehmerIn in privaten Einrichtungen utopisch. Das habe ich lernen müssen.

Ich bereue meinen Bildungsweg jedoch in keinster Form und würde es tatsächlich wieder so machen.

 

to: Wie stellen Sie sich Ihre berufliche Zukunft vor?

 

Aktuell arbeite ich in den Bereichen Lehre, Therapie und zu kleinen Teilen im redaktionellen Bereich. Diese Vielschichtigkeit meines beruflichen Alltags macht mir sehr viel Spaß.

Ich möchte auf jeden Fall im Bereich Lehre tätig bleiben und vielleicht habe ich ja irgendwann in der Zukunft die Möglichkeit eine Leitungsposition mit Personalverantwortung zu bekleiden. Auf eine solche Herausforderung hätte ich große Lust.

 

to: Vielen Dank für das Interview!

 

 


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