14.03.2017

Was ist Spiegeltherapie?

Im Interview mit dem Physiotherapeuten und Gesundheitswissenschaftler Andreas Rothgangel (AR) erfahren wir spannende Details zum Thema Spiegeltherapie.


Spiegeltherapie in der Praxis

Spiegeltherapie in der Praxis

Andreas Rothgangel

to: Wer hat die Spiegeltherapie eigentlich entwickelt?

AR: Ursprünglich hat sie ein indischer Neurologe und Professor namens Vilayanur S. Ramachandran in den USA entwickelt. Die Spiegeltherapie existiert seit dem Anfang bzw. der Mitte der 90er Jahre. Zunächst fanden erste Experimente mit amputierten Patienten statt. Anschließend wurde die Spiegeltherapie auch mit Schlaganfallpatienten erprobt.

to: Wie kamen Sie zur Spiegeltherapie und letztlich zu Ihrer Spezialisierung?

AR: Damals absolvierte ich meine Ausbildung in den Niederlanden, genauer in Heerlen.  An der Hochschule hatten  wir zum Thema Schmerz eine Vorlesung bei einem niederländischen Professor. Dieser erwähnte das Prinzip der Spiegeltherapie.  Sie wurde zu dieser Zeit noch hauptsächlich beim Auftreten eines Phantomschmerzes durchgeführt. Hierzu existierten erste Experimente von Vilayanur S. Ramachandran.

Damals war ich auf der Suche nach einem Thema für die Bachelorarbeit. Daher war dieser Moment für meinen Kollegen und mich ausschlaggebend.
Wir entschieden uns erste Untersuchungen zur Spiegeltherapie bei Schlaganfallpatienten durchzuführen.

Im Jahre 2001 gab es dazu noch relativ wenig Literatur. In der Bachelorarbeit führten wir dazu eine erste Studie diesbezüglich durch. Danach setzten wir die Spiegeltherapie täglich in Praxen und Rehakliniken ein.

Daraufhin erhielten wir Anfragen, ob wir nicht anderen auch erzählen wollen,  wie die Spiegeltherapie funktioniert. So ist der Fortbildungsbereich sukzessive gewachsen.

to: Können Sie kurz erzählen: Was ist Spiegeltherapie? Wie funktioniert sie?

AR: Ich versuche es mal einfach zu erklären:  Man spiegelt durch einen Spiegel der ungefähr in der Körpermitte steht, den Arm oder das Bein der intakten Körperhälfte des Patienten. So entsteht beim Blick in den Spiegel für den Patienten der Eindruck, er sähe zwei intakte Arme oder Beine.  

Dies ist nicht der Fall, da sich eine Amputation oder eine gelähmte Extremität hinter dem Spiegel befindet. Dennoch wird durch den Spiegel die visuelle Illusion erzeugt, dass der betroffene Arm sich bewegt.  Hierdurch kann ein therapeutischer Effekt erzielt werden.

to: Was passiert da im Gehirn?

AR: So hundertprozentig weiß man das noch nicht. Aber bzgl. des Phantomschmerzes weiß man, dass es durch ein fehlendes Körperglied (Hand oder Fuß) zu einem fehlerhaften Prozess kommt.  Die Region, die im Gehirn bspw. für den amputierten Arm zuständig ist, wird durch benachbarte Gebiete im Gehirn belagert .
Dadurch entstehen Fehlinformationen.

Mit der Therapie wird versucht diesen Prozess umzukehren. Durch das Training der nicht mehr vorhandenen Extremität wird dem Gehirn die Rückmeldung gegeben, dass die Extremität noch vorhanden ist. So kann der Phantomschmerz durchbrochen werden.

Bei einem Schlaganfall bestehen erste Annahmen, dass die Motorik mit Spiegelneuronen zusammenhängt. Diese werden beim Beobachten von Handlungen aktiviert. Dadurch, dass die Patienten ihre Extremität im Spiegel aufmerksam beobachten, wird die  entsprechende Hirnregion angesprochen.

Das wiederum, kann sich positiv auf die Beweglichkeit auswirken. Hundertprozentig ist dies jedoch noch nicht geklärt.

to: Wie gut ist die Spiegeltherapie evaluiert?

AR: Wir haben im Jahre 2011 eine Übersichtsarbeit erstellt. Zum heutigen Zeitpunkt ist die Spiegeltherapie im Bereich des Schlaganfalls zur Verbesserung der oberen Motorik recht gut evaluiert und deren Erfolg belegt.

Bei anderen Einsatzgebieten, also bspw. der Behandlung von Schmerzpatienten, von Phantomschmerzen und der Behandlung des komplexen regionalen Schmerzsyndroms (Complex regional pain syndrome, CRPS) ist der Therapieerfolg bislang noch schlechter belegt.

Aktuell sind wir jedoch dabei unsere Studiendaten auszuwerten. Wir haben eine große Studie mit 75 Patienten in NRW durchgeführt. Wie es aussieht, gibt es da für die Behandlung der Schmerzpatienten mehr Evidenz.

to: Können Sie sich vorstellen, dass die Spiegeltherapie auch in der logopädischen Therapie zum Einsatz kommt? Oder ist Sie nur für die Bereiche Ergo- und Physiotherapie geeignet?

AR: Ja, ich hatte auch schon ein paar Logopäden bei mir im Kurs. Diese haben sich besonders hinsichtlich der Therapie von Fazialisparesen erkundigt. Die Spiegeltherapie ist auch für diesen Bereich grundsätzlich vorstellbar. Allerdings benötigt man einen speziellen Spiegel, durch den es möglich wird, eine Gesichtshälfte zu spiegeln.

Mit der Spiegelung von Armen und Beinen  durch einen sagitalen Spiegel geht es hingegen relativ einfach.

Beim Gesicht müsste mit 2 Spiegeln, die im 90 Grad Winkel zueinander stehen, gearbeitet werden. Nur so kann man erreichen, dass man in der Gesichtsmitte die gesunde Gesichtshälfte spiegeln kann. Die Patienten würden in diese Spiegelvorrichtung reinschauen wie in eine Box. Bei einem frontalen Spiegel wäre hingegen keine Bewegung sichtbar. 

Prinzipiell ist die Verwendung im logopädischen Kontext also denkbar. Jedoch gibt es hierzu kaum Erkenntnisse.  Da würde ich die Logopäden bitten in diesem Bereich tätig zu werden.

to: Sie haben eine App für die Spiegeltherapie entwickelt. Was war da Ihre Zielsetzung und wie funktioniert diese App für die Betroffenen?

AR: Derzeit arbeite ich an meiner Doktorarbeit.  Im  Zuge eines Förderaufrufes des Landes Nordrhein-Westfalen,  die so einen Schwerpunkt im Bereich Telemedizin/E-Health setzen wollten, war speziell der Bereich Telerehabilitation gefordert.

Ich habe damals einen Förderantrag geschrieben, der auch premiert wurde. Folglich haben wir für drei Jahre Gelder bekommen um eine Plattform zu entwickeln. Hieraus entstand eine App für einen Tablet-PC, die das Ziel verfolgt, Patienten nach dem Rehabilitationsaufenthalt weiter zu betreuen. Hierbei werden sie von einem Therapeuten, den sie in der Reha kennengelernt haben, begleitet.  

Zusätzliche wird vor allem das selbständige Training unterstützt, indem die Patienten verschiedene Übungsprogramme über die App durchführen können.

Außerdem besteht die Möglichkeit den Schweregrad der empfundenen Schmerzen einzutragen. All diese Informationen werden an den persönlichen Therapeuten übermittelt, der schließlich das Übungsprogramm für den Patienten anpassen oder mit dem Patienten Kontakt aufnehmen kann.

So kann die Therapieintensität gesteigert und der langfristige Therapieeffekt verbessert werden.

to: Haben Sie schon Erfolge mit dieser App erzielen können?

AR: Die App wird aktuell in einer Studie getestet und evaluiert. Noch ist es zu früh um schlussendlich etwas sagen zu können. Was man jedoch schon sieht, ist, dass der Effekt des App-Trainings vergleichbar ist zu dem der regulären Spiegeltherapie.  Wenn die Patienten zudem wissen, dass noch ein Therapeut ein Auge darauf hat, ob sie regelmäßig ihre Übungen machen, wird das Training häufig gewissenhafter absolviert.  

Der Vorteil besteht darin, dass die Spiegeltherapie mobil einsetzbar ist.  Dadurch dass der Spiegel durch die Kamera eines Tablets ersetzt wird, wird das  Prinzip der Spiegeltherapie mittels Tablet realisiert.

So können die Patienten unterwegs ihre Übungen machen. Intensität und Frequenz nehmen durch diesen mobilen Charakter zu.  Langfristig kann die Vermutung aufgestellt werden, dass sich dann auch der Schmerz positiv verändert.

to: Aber ein Therapeut sollte das oben beschriebene Vorgehen noch begleiten?

AR: Ja, ja! Wir sprechen hier von einer verblendeten Therapie. Der Face-to-Face-Kontakt stellt die Basis dar und bildet das initiale Vorgehen. Der Patient wird so durch den Therapeuten instruiert wie die Übungsprogramme funktionieren. Wenn der Patient so weit ist, dass er in das Online-Training übergehen kann, bekommt er in der Regel ein Tablet und die App. 

So kann er damit zu Hause langfristig weiter trainieren, wird aber weiter über die Plattform von Therapeuten beaufsichtigt. Bei Bedarf kann der Therapeut den Patienten immer wieder einbestellen und nochmal bestimmte Dinge mit ihm besprechen.

to: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben unsere Fragen zu beantworten, Herr Rothgangel.

Sie möchten ein Seminar zu diesem Thema besuchen? Hier gibt es aktuelle Termine

www.duesseldorfer-akademie.de/weiterbildungs-und-trainingszentrum/ihr-seminarprogramm/seminardetailseite/

Sie sind interessiert und möchten mehr über dieses Thema erfahren?

Zusätzliche hält die Homepage von Andreas Rothgangel spannende Informationen für Sie bereit (spiegeltherapie.com/<wbr />category/allgemein/).

 

 

 

 

 

 


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